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FEMINIST is nominiert für den Deutschen Fotobuchpreis 2013


Autoren: Babara Vinken, Annie Goodner

Hardcover ca. 288 x 240cm
ca. 120 pages
ca. 100 color ills.
German/English

ISBN 978-3-86828-290-0
ca. 36 Euro 2012

MAKING OF VIDEO

FEMINIST APP




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Odette, 25, 11, 11// 86
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond




Kateryna, 14, 02, 12 // 176
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond




Teresa, 07, 01, 11 // 44
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Manon, 12, 01, 12// 124
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Concetta, 12, 07, 11// 176
110 x 130 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Hannah, 06, 08, 11 // 40
110 x 130 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Matilda 03, 11, 11// 38
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond




Faith, 25, 09, 11 // 116
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Julia 03, 11, 11// 38
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Barbro, 06, 12, 11// 116
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Hedda, 25, 12, 11// 48
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Samantha, 29, 09, 11 //152
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Loreen, 12, 3, 12// 36
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Hilde, 04, 2, 12// 34
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond



Medea, 09, 03, 12// 42
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Miyu,  28, 2, 12 // 152
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Maria , 1, 01, 12 //34
110 x 120 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Michelle, 04, 01, 12 // 128
110 x 150 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Misaki, 08, 01, 12 // 40
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Jolanta  , 25, 01, 12 //40
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Kristina, 13, 03, 12 // 156
110 x 170 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond
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Rebekka, 19, 6, 11 // 44
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Kim, 28, 2, 12 // 48
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Vivien, 05, 03, 12 //  34
110 x 125 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Tamar, 04, 12, 11 // 34
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Imke, 31, 01, 12 // 176
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond
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Ruth, 20, 07, 11 // 116
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond
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Nicole, 30, 09, 11 // 36
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond
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Sienna , 25, 07, 11 // 34
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

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Maya, 08, 09, 11 //152
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

 


Acknowledgements:
thanks are due to Olaf Val, who provided valuable support not only in technical matters; Rebecca Keim for the illusory mask (Loreen, Delphine, Dominique,Kim, Rosalie, Shadie and Maria)




babara

Catrine Val nimmt in FEMINIST Situationen auf, die in ihrer Alltäglichkeit archetypisch, zu Mythen des Alltags geworden sind. Ihre Fotos, sorgfältig wie Gemälde komponiert und gewissermaßen immer schon gerahmt, sind das Gegenteil des Schnappschusses. Sie tragen Vergangenheit in sich – als überlebte, zurückgelassene, abgeschiedene. Kleider werden hier radikal antimodisch getragen. Sie lassen nämlich nicht Zeit im vollkommenen Augenblick vergessen. Sie sind nicht wie die Moden im Moment ihrer Herrschaft schön, sondern "von gestern", dezidiert und mit Absicht démodé, dépassé. Sie liegen genau vor dem Moment, in dem man die Mode von gestern vergessen hat und sie deswegen zum letzten Schrei recycelt werden kann oder als vintage zum absoluten Trend avanciert. Selten hat sich wohl jemand mit so viel ausgestellter Sorgfalt angezogen, um dabei so eigenartig unmodisch auszusehen. Radikal fällt die dargestellte Person aus dem Jetzt heraus.


Victoria, 12, 06, 11 // 38
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond




Mode funktioniert hier schon als Tigersprung in die Vergangenheit, wie Benjamin mal so schön sagte, bloß wird dabei nicht eine Vergangenheit zum Leben erweckt, sondern in ihrem Vergangensein, ihrem radikalen Unmodischsein, ihrem Abgeschiedensein schlagartig ins Gedächnis zurückgeholt. In diesen Kleidern steht die Vergangenheit nicht auf. Sie wird nicht in die Gegenwart zurückgeholt. Sie springt uns vielmehr als Vergangenes an.Deswegen wirkt die Person auf dem Bild meistens radikal deplaziert, unpassend unangemessen, in absurde geometrische Entsprechungen eingepasst. Eine Allegorie für diese eingepasste, unpassende Unangemessenheit mögen die Kleider sein, die der Person auf dem Bild fast nie passen und mit viel Mühe angepasst werden müssen. Die Figur, die wir in diesen Selbstporträts sehen, hat keinen Ort nirgends; ihre Zeit ist nicht das Jetzt, der gezeigte Augenblick ein unmöglicher.


Freyja, 03, 01, 12 // 40
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Catrine Val investiert sich in einem ganz wörtlichen Sinne in andere: trägt die Kleider ihrer Kinder, oder die alter Damen, die sich in einem Secondhandshop mit wehem Herzen ihrer besten Stücke entledigen. Sie enteignet ihren Körper, den sie zur Bühne für das self-fashioning anderer macht. Das macht ihn eigen artig. Die Trophäen vergangenen Stylings legt sie an. Ihr Körper taucht in den typischen Szenarien, die in der Geronnenheit ihrer Bildersprache zitiert werden, als Fremdkörper auf, der oft absurd dort hineingeraten ist. So kommt es zu einer verstörenden Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die etwas Surreales hat. Aber dieses Surreale, Unwirkliche, absurd Herausfallende überhöht die Realität nicht etwa; es verstört und verrückt sie vielmehr, oder führt das Medium als Momentaufnahme gleich ad absurdum, wenn etwa die Schwerkraft im Schweben der Figur über dem Grund wunderbar aufgehoben wird und als memento dieses unmöglichen Aufhebens aber zentnerschwere Bausteine wie Federgewichte in den Händen getragen werden.


Kirsten, 17, 02, 12 // 34
110 x 130 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Das Höhlenszenario, das aus einem Naturkundemuseum des vorigen Jahrhunderts stammen könnte, gibt sich schon gleich als Inszenierung zu erkennen: man sieht die technischen Absperrungen. Totaler Fremdkörper ist die Frau am Feuer, in gelben Polkadots mit dazu passendem Rucksack, mit Strähnchen in den Haaren offensichtlich kein Steinzeitmensch jenseits der Mode, aber auch keine Frau von heute, sondern klar auf einen bestimmten Moment und einen bestimten Look, der vollkommen passé ist, datierbar. Trauer tragend, Rocksaum und Rüschen schwenkend, kommt Baudelaires Passantin nicht getragen von der Menge, sondern allein aus einem dunklen Tunnel auf den Betrachter zu. Obwohl das ganze Bild von Schwarz-Weiß-Kontrasten rhythmisiert und so auf der formalen Ebene eine Einheitlichkeit suggeriert wird, steht die betont bemühte, rührend kindlich grotesk wirkende Angezogenheit der Person in feierlichem, fast pastorenartigem Schwarz, gutgebügelten Rüschen, mit blütenweißen Handschuhen und frisch geweißten Schuhen im Gegensatz zu dem unmarkierten, ein bisschen heruntergekommenen, prosaischen Tunnel, einem Unort wie so viele Orte in den städtischen Landschaften der Moderne. Weiß Gott, wie die Passantin sich da hinverirrt hat.


Rosalie, 13, 03, 12 // 176
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Als Rotkäppchen im Walde, Röslein auf der Heiden sehen wir sie in einer romantischen Landschaft im rosigen Dunst. Die untergehende oder aufgehende Sonne spiegelt sich im Wasser. Ist so schön, könnte auch eine Landschaftstapete sein. Aber in dieser Landschaft, einem locus amoenus mit See, in desen federartigen Bäumen ein Hauch von Watteaus Einschiffung nach Kythera schwebt, liegt nun nicht etwa eine Venus, deren zeitlos schöne Glieder souverän die Landschaftsschön heiten verlängern. Hier klingen Frau und Landschaft nicht harmonisch in einem Moment der Ewigkeit zusammen. Am Ufer dieses Sees steht ein Mädchen mit Hütchen und Paletot, mit verlegen zu Boden geschlagenen Augen wie bestellt und nicht abgeholt, ein absurdes Mauerblümchen, das sich an einer grotesk hässlichen Tasche aus den 70er Jahren festzuhalten scheint. Ihre Absätze sind schon in die Wiese eingesunken; sie droht, Wurzeln zu schlagen. Man sieht nur noch billige Silberriemchen. Von Harmonie, von Ineinanderspiegeln keine Spur. Durch das unpassende, deplazierte Modebewusstsein markieren die Kleider nicht den vollkommenen Augenblick, sondern alle Zeitlosigkeit in sinnlose Vergänglichkeit zerrend eine immer schon gestrige Zeit.


Xenia, 14, 02, 12 // 42
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Am formellsten wird Weiblichkeit als eigensinnige Entstellung von Entsprechungen vielleicht auf dem Foto eines Klassenzimmers ohne Schüler, aber mit Künstlerin gezeigt. Der Klassenraum, sorgfältig penibel aufgeräumt, wird nüchtern von Horizontalen und Vertikalen bestimmt: quadratische Kacheln, eine karierte und linierte Tafel, die Linienführung von Tischen und Stühlen fügen sich in dieses Raster. Alles in kühlen, neutralen Farben. Die androgyne Künstlerin – Haare à la David Bowie – sitzt auf einem Schulstuhl im Bild, das Gesicht im Profil. Das T-Shirt mit Goldglitter, die goldenen Billigpumps, mit Schleifchen verziert, stehen wie Fremdkörper hervor. Unangepasst, unangemessen im wahrsten Sinne des Wortes ist die Hose mit Burberrymuster: sie ist viel, viel zu klein, eine Kinderhose, wie sie eine Schülerin tragen könnte. Sie wirkt auf den ersten Blick wie heruntergelassen und verhindert, dass die Kindfrau /der Jüngling angemessen sitzen kann. Auf dem Burberrystoff der Hose wird das das Bild ordnende Raster aufgenommen, aber anamorphotisch verzerrt. Die Gradlinigkeit des Raumes gerät ins Schleudern. Passend unpassender kann man nicht aus dem Rahmen fallen. Entsprechungen können nicht geometrisch untertouriger entstellt werden. Mehr Fremdkörper, eingepasst, geht nicht.



Nicole, 30, 09, 11 // 176
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond

 

annie

FEMINIST bewegt sich fließend zwischen den Sphären der Mode und Performance, Kritik und Klamauk. In dieser Fotoserie verwandelt sich Catrine Val mithilfe von oft zusammengewürfelten, aber verblüffenden Verkleidungen immer wieder aufs Neue. Dreh- und Angelpunkt ihres Werks ist die Konstruktion. Sie ist das bewusst augenfällige Element im akribischen Prozess von Vals Verwandlung; zudem wird das Konstrukt, das Künstliche sozusagen, in jedem Selbstporträt entwirrt. Die offenkundigen Komponenten wie Kleidung, Requisiten und Kulissen blenden zwar das Auge, sind allerdings oft unfassbar. Die Präsenz der Künstlerin ist eher flüchtig – ein Effekt, der auch durch ihren fragenden, manchmal ins Komische tendierenden Gesichtsausdruck und die Entschiedenheit, mit der sie ein Bild und eine Ware gestaltet, getragen wird.

Dominique 04, 02, 12 // 34
110 x 170 cm


In einem großen Selbstporträt posiert Val auf dem Teppich eines Haushaltswarengeschäfts. Auf den ersten Blick glaubt man eine der klassischen erotisch lasziven Stellungen zu sehen, wie man sie von Manets Olympia oder den gängigen Abbildungen von Pin-up-Girls kennt. Angesichts der Umgebung aus Stapeln von Pfannen und Töpfen, Trichtern und Auflaufformen scheint Sex jedoch unbedeutend zu sein. Auf einen Arm aufgestützt, den linken Fuß etwas angehoben, so dass ihr Schuh beinahe he runterfällt, streicht Val kokett über die Schneide einer kleinen Handschneidemaschine für Fleisch. Das Vorhandensein dieser profanen Schneidemaschine stört in dieser Szene, deren Ausstattung ganz einem traditionell sanften, weiblichen Flair verpflichtet ist. Die konstruierte Natur dieses Bildes offenbart jedoch besonders deutlich Vals Interesse an den verfänglichen Überschneidungen von Alltagsräumen und der romantisierten Welt der Mode und Weiblichkeit.

Die aufwändige Inszenierung ihrer Arbeiten sowie die Fülle an Motiven und Posen münden in reizvoll beliebigen Darstellungen der Widersprüche des Frauseins im 21. Jahrhundert. Das Werk macht die Neugierde der Künstlerin an der Welt der Gegenstände ganz offensichtlich, und das Ausmaß an Arbeiten unterstreicht dies noch. Vals Selbstdarstellung und ihre Verflechtung mit der Umgebung – wobei beides nicht immer vorhanden ist – sprechen eine nicht ganz so neue Obsession gegenüber allem, was angefasst, besessen und sogar manipuliert werden kann, an. In Anlehnung an die Formulierung und Schreibweise von FEMINIST stellen Vals Selbstdarstellung und ihr Werk an sich eine Art Markenzeichen dar. Das, was wir bei ihrer Verwandlung einer penibel genau gefertigten Identität inmitten eines ebenso akkurat gestalteten Szenarios in eine andere sehen, ist die Überführung von Identität in Ware. Gegenstände fungieren hier nach beiden Seiten: Sie verfälschen ihre Umgebungen und machen sie zugleich zu einem Bild des ausgesöhnten Materialismus.


Janka, 14, 02, 12 // 42
110 x 170 cm C-Print | Acryl | Alu-Dibond


Es scheint eine fremde Macht zu geben, die Vals Selbstporträts diktiert, als sei sie eine Puppe in einer lebensgroßen Puppenstube. Dieses Element der allwissenden Kontrolle hat den Effekt, die Künstlerin zu infantilisieren, da sie unschuldig und zugleich sexualisiert wirkt. Selbstdarstellung und Körper der Künstlerin folgen einem kontrollierten Repertoire aus der Welt der Werbung, aber sie werden auch als eine Art zu bespielende Leinwand eingesetzt (man denke nur an Valie Export, Cindy Sherman und in jüngster Zeit Nikki S. Lee). Diese Reibung zeigt eine andere Ebene in Vals Darstellungen, auf der sie das Fundament eines ko struierten Bildes hervorhebt. Manchmal, wie in dem Bildvom türkischen Kleiderladen, in dem ihr selbstgemachtes Kleid buch stäblich aus den Nähten platzt, betont Val die ungereimte Anzie hungskraft des Bildes. In diesem Fall fertigte Vals junge Tochter das Kleid an, aber Val posiert für die Kamera mit solchem Impetus, dass sie auch ein Mannequin in einem Schaufenster sein könnte. In anderen Selbstporträts scheint Val förmlich in die Szene (ein Perückengeschäft, ein Hinterhof oder Stadtpark, ein Flughafenterminal) hineingepurzelt zu sein, konfrontiert die Kamera jedoch mit Selbstbewusstsein und einem passenden Outfit, das die Betrachter zwingt, das gesamte Szenario ernst zu nehmen.

Die Kulissen entsprechen ebenso einer Rolle und einem Stück und agieren als Bühnenbild. Raum ist unwichtig, wenn er nicht den Bildgegenstand hervorhebt und akzentuiert. Die anonymen Umgebungen nehmen folglich eine gleichermaßen austauschbare künstlerische Qualität an und fungieren als Schnittmenge von Wirklichkeit und Fantasie. Es gibt zwar gelegentlich Andeutungen einer Geschichte oder eines Verlaufs, wie etwa in Form einer Gebäudefassade oder einer Straßenecke, aber das Eigentliche dieser Geschichte ist unklar. Stattdessen wählt Val Orte, die für einen Zweck, der sich jenseits der Darstellung befindet, gesäubert wurden. Val steht an einer Straßenecke inmitten eines Stapels aus alten Möbeln, und wir fragen uns, wo die Grenzen zwischen der Stadt und dem Versatzstück sind. Diese Umgebung scheint nicht in der Lage zu sein, eine bestimmte Identität zu behaupten, die Vals stilistische Intervention in den Schatten stellen kann.


Shadie 25, 08, 11 //  0
110 x 170 cm
| Acryl | Alu-Dibond


Im Westdeutschland der Nachkriegszeit, in dem Val geboren wurde und aufgewachsen ist, repräsentierte eine allgegen wärtige serielle Architektur die Zukunft: den physischen Wiederaufbau einer Gesellschaft sowie den wachsenden ökonomischen Wohlstand. Gelegentlich erobert ein kleines Bild dieser idealisierten Außenwelt den Rahmen. In einem dieser Bilder trägt Val einen Kübel auf dem Kopf, der bewusst zum Fensterrahmen eines stereotypen Nachkriegshauses passt. Doch auch dann, wenn Architektur einzigartig ist, schafft Val eine Szene, die aufsehenerregende Elemente in schlichtes Beiwerk verwandelt, wie etwa in einem Park, in dem majestätische Vasen aufgestellt sind. Val besteigt eine, während die Wintersonne eine Art Heiligenschein um ihre gebückte Gestalt bildet und sich auf einer Discokugel neben ihr widerspiegelt. Ist diese Art der Inszenierung tatsächlich die heutige Welt der vermarktbaren Frau (der Künstlerin, Mutter und Bildermacherin)

Im Gegensatz zum Zauber vieler ihrer Außenszenen umgibt sich Val bei ihren Innenaufnahmen mit Bergen von Wegwerfgegenständen. In einem anderen Bild führt Val Elemente aus der Filmkunst ein, setzt aber auch hier ihre visuelle Entscheidung fort, die schlichte Darstellung von Schönheit und Aufmachung zu unterminieren. Mit einer blonden Pagenkopfperücke, gelben Spülhandschuhen und in einem gemusterten Kleid blickt Val vor einer Fleischertheke zur Seite. Das Licht von hinten beleuchtet ihre grazile Haltung und ihren Hinterkopf, aber ihr Gesichtsausdruck ist distanziert und unsicher. Ist es möglich, in einem Laden voll hängender Würste, Aufschnitt und Leberwurst modern, stylish und entschlossen zu wirken? Dieses Bild ist in der Serie einzigartig. Val ist sich wie immer der Anwesenheit der Kamera und des fotografischen Moments bewusst, doch hier geht sie der direkten Konfrontation mit der Kamera aus dem Weg. Wenn eine solch direkte Begegnung nicht vorhanden ist, dann schwächt das auch die Dominanz ihres Körpers und ihres Gesichtes ab, und der Hintergrund und das Szenario geraten dadurch deutlicher in den Fokus.

Obwohl es wichtig ist, den Einsatz der Fotografie als Darstellungsmethode zu erwähnen, sollte ein Betrachter die Fotografie auch als einen der letzten Schritte in Vals künstlerischer Produktion betrachten. Vals fotografische Performances können Stunden der Vorbereitung benötigen, sind aber letztlich für den einen Augenblick bestimmt, in dem das Foto gemacht wird. Aufmachung, Konzept und Gestaltung – all das lässt Val den Prozess der Bildfindung sowohl aufführen als auch erfahren. Die Arbeiten gehen von der physischen Welt der Requisiten und Kulissen zu einem weniger einfach umrissenen Raum über, sobald wir, die Betrachter, ihrer Werbung immer und immer wieder begegnen.



Grace, 09, 02, 12 // 42
110 x 110 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond


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Statement Catrine Val
Unsere Zeit wird von einer Welle des Narzissmus und einem Kult der Selbstdarstellung heimgesucht. Mode und ihre mediale Inszenierung bestimmen unseren Alltag. Sie verändern unseren Blick auf die Jugend und das Alter, auf Schönheit und Charakter, auf das Selbst und die Weiblichkeit. Das moderne Leben hat sich von der Echtheit weit entfernt. Hüllen, Leerformen und Maskeraden. Mit der Gewissheit, das man tut, was die anderen tun, weil die Mode sich ohnehin ändert und doch wieder zu dem zurückkommt, worauf sie sich bezieht. In FEMINIST geht es einmal nicht um das erotisch angehauchte menschliche Abbild. Die Perücke verschiebt das Äußere in die Abstraktion. Gefroren, geliebt, gefühlt, inhaliert, komponiert und performt, driftet FEMINIST von einem Identitätsmuster überraschend zum nächsten. Eingefroren in der Pose, setzt sich das Material selbstbewusst als formale, skulpturale Zeichnung in den Vordergrund. Kein großes Team stand da dahinter. In der Freiheit, spontan zu reagieren, ohne jegliche Vorlage. Jede Szene ist tief mit der deutschen provinziellen Nachkriegsarchitektur verwurzelt, die Abhandlungen entstanden in der Intimität der familiären Situation als Puppenstube, am Esszimmertisch. Unzählige Perücken, Kleiderstücke und Schuhpaare im Auto waren die Basisstation.

FEMINIST ist keineswegs nur eine post-feministische Selbstbespiegelung in eigenem Mikrokosmos, sondern funktioniert ganz nach Jean-Paul Sartres These, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt und müsse sein Menschsein täglich neu erfinden. FEMINIST steht da als Schablone nur an zweiter Stelle. Die Vervielfältigung der Frau und ihr verkrampftes Spiel mit der täglich neuen Selbstinszenierung entlarven das Kräftemessen zwischen Authentizität und Inszenierung. Es bleibt offen, wer die Frau eigentlich ist. Sie bewegt sich im Reich der Utopie, aber manchmal greift sie nach den Sternen.
Phänomenistinnen – so sind wir.

 


Ingrid, 15, 2 12 // 44
110 x 150 cm
C-Print | Acryl | Alu-Dibond

 

 

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